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Warendorf. Wie gewinnen Pferdesportvereine neue Mitglieder? Warum ist Mitgliedschaft weit mehr als die Nutzung einer Reitanlage? Wie können Schulpferde und Reitschulen gestärkt werden? Was können Vereine für Nachhaltigkeit und Artenvielfalt tun? Und wie gelingt es, Menschen nicht nur für den Pferdesport, sondern auch für ehrenamtliches Engagement zu begeistern?
Mit diesen Fragen beschäftigten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Seminars „Hessische Ehrenamtler“ am 19. und 20. September 2026 in Warendorf. Zwei intensive Tage in der Zentrale von Pferdesport Deutschland verbanden Fachinformationen mit Workshops, Diskussionen, Erfahrungsaustausch und vielen konkreten Ideen für die Vereinsarbeit.
Dabei wurde schnell deutlich: Hier sollte nicht nur zugehört werden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren ausdrücklich aufgefordert, eigene Erfahrungen einzubringen, miteinander zu diskutieren und Lösungen zu entwickeln, die anschließend in die hessischen Pferdesportvereine getragen werden können.
„Ehrenamt braucht Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Aber genauso braucht es Vereine und Verbände, die diesen Menschen etwas zutrauen, ihnen Freiräume geben und ihre Ideen ernst nehmen“, brachte Christian Huslik einen Gedanken auf den Punkt, der sich wie ein roter Faden durch das Wochenende zog.
Moderiert wurde das Seminar von Hendrik Langeneke, Geschäftsführer der hessischen Pferdesportverbände und der Landeskommission Hessen. Gemeinsam mit Thomas Ungruhe, Leiter des Teams Pferdesportentwicklung bei Pferdesport Deutschland, eröffnete er das Seminar.
Schulpferde sind eine Zukunftsfrage
Gleich zu Beginn stand ein Thema auf dem Programm, das für die Zukunft des Pferdesports kaum zu überschätzen ist. Thomas Ungruhe stellte die Initiative „100 Schulpferde plus“ vor.
Für die meisten Kinder und Jugendlichen beginnt der Weg in den Pferdesport nicht mit einem eigenen Pferd. Er beginnt in einer Reitschule – und auf einem verlässlichen Schulpferd. Fehlen geeignete Schulpferde oder verschwinden Reitschulen, wird deshalb aus einem betrieblichen Problem schnell eine Zukunftsfrage des gesamten Pferdesports.
Genau hier setzt „100 Schulpferde plus“ an. Die Initiative verfolgt das Ziel, Reitschulen nachhaltig zu stärken, den Zugang zum Pferdesport zu sichern, die Anschaffung von Schulpferden zu fördern und Vereine durch Sach-, Bildungs- und Beratungsangebote zu unterstützen. Dabei geht es ausdrücklich um mehr als eine reine Schulpferdeförderung.
Die Zahlen verdeutlichen die Dimension: 1.700 Vereine mit Reitschulen nehmen teil, 1,51 Millionen Euro Fördermittel wurden bislang akquiriert, 29 Schulpferdebezuschussungen zugesprochen und bereits 750 Einzelmaßnahmen im Wert von insgesamt 707.535 Euro vergeben.
Wie unmittelbar eine solche Förderung wirken kann, zeigte die Erfolgsgeschichte des Schimmelwallachs Garfield bei der Reitgemeinschaft Schimmelhof in Bremen. Durch Fördermittel konnte das Pferd angeschafft und damit die Voltigierarbeit gestärkt werden. Mehr Trainingsmöglichkeiten und neue Perspektiven für Kinder und Jugendliche waren die Folge.
„Wer Nachwuchs für unseren Sport gewinnen will, muss ihm zunächst den Zugang zum Pferd ermöglichen. Das Schulpferd ist deshalb keine Randfrage – es ist eine Zukunftsfrage des Pferdesports“, fasste Huslik die Bedeutung des Themas zusammen.
Nachhaltigkeit beginnt auf der eigenen Reitanlage
Mit Diana Koch, Referentin im Team Pferdesportentwicklung, rückten anschließend die Projekte „Grüner Stall“ und „Pferde fördern Vielfalt“ in den Mittelpunkt.
Der „Grüne Stall“ verbindet die Pferdehaltung mit den Nachhaltigkeitszielen und konzentriert sich insbesondere auf zwei große Bereiche: Biodiversität sowie die Einsparung energetischer Ressourcen.
Wie praxisnah das Thema sein kann, zeigten zahlreiche Beispiele. Mehr als 700 Vereine, Betriebe und Einzelpersonen beteiligten sich bereits an Aktionen rund um den Internationalen Tag der Artenvielfalt. Bei einer Aktion wurden auf Pferdebetrieben sogar 140 unterschiedliche Arten gezählt.
Die Möglichkeiten beginnen oft mit kleinen Maßnahmen: heimische Gehölze, Rückzugsflächen für Tiere, Nistkästen, Insektenhotels oder begrünte Gebäude. Aber auch Energieverbrauch, Photovoltaik, Wasser, Beleuchtung und energetische Sanierung gehören zum Thema. Energie- und Öko-Checks können dabei helfen, Einsparpotenziale auf Pferdesportanlagen systematisch zu erkennen.
„Wir müssen als Pferdesport nicht nur darüber reden, welchen Stellenwert Natur und Umwelt für uns haben. Wir können auf unseren Anlagen jeden Tag zeigen, dass wir Verantwortung übernehmen“, lautete ein Fazit aus der Diskussion.
Mitglieder gewinnen – aber warum eigentlich Mitglied werden?
Am Nachmittag waren die Ehrenamtler selbst gefragt.
Unter Leitung von Christian Huslik, Pressewart und Vereinsberater des Pferdesportverbandes Hessen sowie Beauftragter für Nachwuchsehrenamtler, digitale Medien und Backstage-Veranstaltungen im Pferdesportverband Hessen-Nassau, arbeiteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in drei Workshops.
Die Themen lauteten „Kreative Aktionsideen für den Wettbewerb zur Mitgliedergewinnung“, „Zielgruppen erreichen – Kommunikation, Social Media und Netzwerke“ und „Vom Erstkontakt zur Mitgliedschaft – Wirkung erzielen und dokumentieren“.
Die Flipcharts füllten sich schnell.
Familientage mit Ponyreiten, Lehrgänge, Schnuppertage, öffentlichkeitswirksame Aktionen, Kooperationen mit Schulen und benachbarten Vereinen, Familienbeiträge und besondere Angebote für Familien und Freunde aktiver Reiter gehörten zu den Ideen. Ebenso intensiv diskutierten die Gruppen darüber, wie Vereine ihre unterschiedlichen Zielgruppen überhaupt erreichen.
Instagram und kurze Videos können ebenso dazugehören wie WhatsApp-Statusmeldungen, regionale Zeitungen, örtliche Veranstaltungen und die direkte Kommunikation zwischen Vereinen. Besonders wichtig war den Teilnehmerinnen und Teilnehmern dabei Authentizität: Nicht nur Turniere und sportliche Erfolge sind interessant. Gerade der ganz normale Vereinsalltag kann zeigen, was einen Verein lebendig macht.
Doch damit stellte sich eine grundsätzlichere Frage: Warum soll aus einem Interessenten überhaupt ein Vereinsmitglied werden?
Hier rückte die „Macht der Mitgliedschaft“ in den Mittelpunkt.
„Wir müssen wieder erklären, warum Mitgliedschaft mehr ist als die Eintrittskarte zur Reithalle oder ein günstigerer Preis für einen Lehrgang. Wer Mitglied wird, entscheidet sich dafür, Teil einer Gemeinschaft zu sein und diese Gemeinschaft mitzutragen“, betonte Huslik.
Denn Pferdesport findet längst nicht ausschließlich innerhalb von Vereinen statt. Viele Menschen reiten, fahren oder beschäftigen sich mit Pferden, ohne einem Verein anzugehören. Für die organisierte Interessenvertretung des Pferdesports macht es jedoch einen Unterschied, wie viele Menschen sich in Vereinen und Verbänden zusammenschließen.
„Wer nicht organisiert ist, wird leicht überhört. Mitgliedschaft bedeutet deshalb auch, unserem Sport eine Stimme zu geben. Viele einzelne Pferdesportler haben viele einzelne Interessen. Erst wenn wir uns organisieren, können daraus gemeinsame Interessen werden, die gegenüber Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit wahrgenommen werden.“
Mitgliedergewinnung bekam damit eine Dimension, die weit über Mitgliederzahlen und Vereinsbeiträge hinausgeht: Jedes Mitglied stärkt nicht nur seinen Verein, sondern auch die organisierte Interessenvertretung des Pferdesports.
Vom Schnuppertag zur echten Zugehörigkeit
Gleichzeitig war den Arbeitsgruppen wichtig, nicht nur zu fragen, was ein neues Mitglied dem Verein bringt. Ein Verein muss seinerseits zeigen, weshalb es sich lohnt, ihm anzugehören.
Der Weg zur Mitgliedschaft beginnt deshalb lange vor dem Mitgliedsantrag.
Sommerfeste, Schnuppertage, Aktionstage, Lehrgänge oder Veranstaltungen können einen ersten Kontakt schaffen. Danach muss Vertrauen entstehen. Persönliche Ansprechpartner oder Paten, gemeinsame Veranstaltungen, Ausflüge und Angebote für Kinder und Jugendliche können aus einem ersten Besuch eine dauerhafte Beziehung zum Verein entstehen lassen.
„Menschen treten nicht wegen einer Satzung in einen Verein ein. Sie bleiben, weil sie sich willkommen fühlen, weil sie dazugehören und weil sie erleben, dass sie gemeinsam mit anderen etwas bewegen können. Genau diese Erfahrung müssen unsere Vereine ermöglichen.“
Die Ergebnisse der Workshops wurden anschließend vorgestellt und gemeinsam diskutiert.
Eine einfache Formel fasste vieles zusammen:
Aufmerksamkeit schafft den ersten Kontakt. Begegnung schafft Vertrauen. Gemeinschaft schafft Bindung. Und Mitgliedschaft gibt dem Pferdesport eine gemeinsame Stimme.
Hinter die Kulissen des Spitzensports
Nach intensiver Workshoparbeit bot die Führung über das Deutsche Olympiade-Komitee für Reiterei (DOKR) und das Bundesleistungszentrum Gelegenheit, einen ganz anderen Bereich des Pferdesports kennenzulernen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten Einblicke hinter die Kulissen des deutschen Spitzensports.
Am Abend ging der Austausch in der Warendorfer Innenstadt weiter. Gerade die Gespräche außerhalb des offiziellen Programms machten deutlich, wie ähnlich viele Herausforderungen in den Vereinen sind – unabhängig von Größe, Disziplin oder regionalen Gegebenheiten.
Fördermittel: Gute Ideen müssen nicht am Geld scheitern
Der Sonntag begann ausgesprochen praxisorientiert. Christian Huslik stellte aktuelle Fördermöglichkeiten für hessische Vereine vor.
Ob Sanierung von Vereinsanlagen, Investitionen in Sportstätten, energetische Verbesserungen oder neue Projekte: Förderprogramme können entscheidend dazu beitragen, dass aus einer guten Idee ein umsetzbares Vorhaben wird.
Gerade für ehrenamtlich geführte Vereine besteht die Herausforderung häufig darin, passende Programme überhaupt zu kennen, Fördervoraussetzungen richtig einzuordnen und Anträge rechtzeitig auf den Weg zu bringen.
Verantwortung übernehmen heißt auch Risiken kennen
Mit Dr. Kristin Mütze, Justiziarin bei Pferdesport Deutschland, folgte ein Thema, das für Vorstände und andere Verantwortungsträger von besonderer Bedeutung ist: Haftungs- und Versicherungsfallen im Pferdesportverein.
Die Diskussion machte deutlich, dass ehrenamtliche Verantwortung auch bedeutet, rechtliche und versicherungsrechtliche Risiken zu kennen und den Verein entsprechend aufzustellen. Anschließend führte Dr. Mütze die hessische Gruppe durch die FN.
Ein Netzwerk, das über Warendorf hinausreichen soll
Zum Ende der beiden Tage richtete sich der Blick bewusst nach vorn. Unter der Überschrift „Perspektiven Projekt Hessische Ehrenamtler“ diskutierte die Gruppe darüber, wie das entstandene Netzwerk weiterentwickelt werden kann.
Denn Nachwuchs im Ehrenamt gewinnt man ebenso wenig mit einem einzelnen Seminar wie neue Vereinsmitglieder mit einem einzigen Social-Media-Beitrag. Entscheidend ist, aus einem ersten Impuls eine dauerhafte Verbindung entstehen zu lassen.
Hendrik Langeneke brachte den Anspruch des Projekts auf den Punkt:
„Unsere Vereine leben von Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und eigene Ideen einzubringen. Genau deshalb ist es so wichtig, engagierte Ehrenamtler zusammenzubringen, ihnen Wissen und neue Impulse mitzugeben und vor allem ein Netzwerk zu schaffen, das über dieses Wochenende hinaus trägt.“
Auch Huslik betonte die langfristige Perspektive:
„Wir wollen Menschen nicht nur für ein Wochenende begeistern. Wir wollen sie miteinander vernetzen, ihnen Wissen und Werkzeuge mitgeben und sie darin bestärken, den Pferdesport selbst mitzugestalten. Wer Nachwuchs im Ehrenamt gewinnen will, muss engagierten Menschen nicht nur Aufgaben geben – sondern auch Vertrauen und Verantwortung.“
Exzellente Organisation im Hintergrund
Dass ein Wochenende mit einem derart umfangreichen Programm, Referenten, Workshops, Führungen und Rahmenprogramm nahezu selbstverständlich wirkt, ist alles andere als selbstverständlich.
Ein besonderer Dank galt deshalb Carolin Spickhoff, die die Organisation vor Ort übernommen hatte.
„Carolin Spickhoff hat vor Ort für hervorragende Rahmenbedingungen gesorgt. Die Organisation war exzellent – aufmerksam, zuverlässig und bis ins Detail durchdacht. Gerade bei einem solchen Seminar merkt man, wie viel Arbeit im Hintergrund notwendig ist, damit sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ganz auf die Inhalte und den Austausch konzentrieren können. Dafür gebührt ihr ein ganz besonderer Dank“, betonte Huslik.
Und nach zwei intensiven Tagen gab es schließlich noch einen besonderen Abschluss: Auf Einladung des Pferdesportverbandes Hessen besuchte die Gruppe die Warendorfer Hengstparade 2026, die im Zeichen des 200-jährigen Jubiläums des Nordrhein-Westfälischen Landgestüts stand.
Damit endete ein Wochenende, bei dem es um Schulpferde und Nachhaltigkeit, Mitgliedergewinnung und Fördermöglichkeiten, Haftung und Vereinsentwicklung ging – und bei all diesen Themen letztlich immer wieder um eines:
um Menschen.
Menschen, die bereit sind, ihre Zeit, ihre Ideen und ihre Erfahrung einzubringen. Menschen, die nicht darauf warten, dass andere etwas tun. Und Menschen, die gemeinsam dafür sorgen, dass Pferdesportvereine auch morgen noch Orte sind, an denen Pferd, Sport und Gemeinschaft zusammengehören.
Die Botschaft von Warendorf lässt sich deshalb vielleicht am besten in drei Sätzen zusammenfassen:
Mitgliedschaft gibt dem Pferdesport eine Stimme.
Ehrenamt gibt ihm Kraft.
Und Menschen, die Verantwortung übernehmen, geben ihm Zukunft.
PSVH/hc
